Vollkommener Wahnsinn, Remise Bludenz 2001
 
Ausstellungsraum mit nachgebauter, verkleinerter und um 15° gekippter Galerie als begehbarem Bild (Skizze s.u.). Innen: „Es kann noch schlimmer werden“. Außen: „Schlimmer kann es nicht mehr werden“. Folienbuchstaben auf der Wand: „und jetzt“. Aluminiumstempel mit dem Aufdruck "schade". Hüpfbälle für die BesucherInnen mit der Aufschrift „esc“.
Galerie allerArt/Remise Bludenz, 11. Jänner - 4. Februar 2001
Als Richard Jochum mich fragte, ob ich über seine Ausstellung sprechen würde, wußte ich noch nicht von der logischen Falle, die in dieser Aufgabe auf mich lauert. Insofern ist es ein glücklicher Zufall, dass ich nicht life spreche, sondern medial vermittelt, d.h. instantan in Raum und Zeit paranoisiert, denn Paranoia ist schließlich auch ein Thema dieser Ausstellung. •Richard Jochum hat über der Ausstellung "Vollkommener Wahnsinn" ein konzeptuelles Damokles-Schwert installiert, indem er die Frage "was tun?" gleichsam zum Übertitel seines Projektes macht. Wie einst der Tyrann Dionysos seinen Höfling unter einem an einem seidenen Faden hängenden Schwert speisen ließ, um ihm sein Schicksal als Herrscher zu verdeutlichen, hat Jochum für uns Rezipienten das Schwert der Kunst geschärft. •Da die Frage "was tun?" bei Jochum nicht aus einer Fadesse heraus gestellt wird, steht sie hier im Zusammenhang mit Begriffen wie Komplexität, Kontingenz, Welthaltigkeit, Vernetzung, Globalisierung, Mediatisierung, Überinformatisierung und dergleichen mehr. Die Frage "was tun?" reagiert und widersetzt sich zunächst einmal dem Zeitgeist eines "just do it" oder eines "anything goes". Wenn alles möglich und nichts mehr notwendig ist, wächst das Problem der Beliebigkeit und es taucht das Ungeheuer der Desorientierung, Unordnung, Um- und Entwertung und letztendlich der kulturellen Inflation und Entropie auf. Die Frage "was tun?" impliziert einen dringenden Denk- und Handlungsbedarf im Sinne von Ent- und Unterscheidung, womit diese simple Frage unsere Wirklichkeit dualisiert. Es entsteht die bekannte Doppelstruktur aus Wahrheit und Lüge, aus Sein und Schein, aus gut und böse. Der Grund, warum wir uns nach derartigen binären Weltbildern sehnen, ist vereinfacht gesprochen reduktionistischer Natur, um unnötige Komplexitäten auszublenden und unseren Kognitionsapparat nicht zu überlasten. Wir fürchten das Di-Lemma und sehnen uns nach dem Lemma, d.h. nach einem Stichwort, nach einem Motto, nach Übersicht und Kontrolle, nach Reinheit und Sicherheit, nach Orientierung und Sinn, nach Schönheit und Harmonie. •Würde Jochum uns in seiner Ausstellung einfache Entscheidungskataloge und Wertesysteme, sei es für die Wirklichkeit generell oder für die Kunst speziell vermitteln wollen, wäre er entweder Esoteriker oder Rechtspopulist. Wenn Haider sagt, dass 50 Jahre Komplexität genug sind, könnte man hier nur mit sämtlichen Sozial- und Wissenschaftssystemen antworten, dass Komplexitäten im 21. Jh. erst beginnen werden. Eine Kunst, die das nicht versteht ist lediglich Kitsch. Eine Politik, die dies ignoriert, ist dagegen ein Moloch. •Jochums Ausstellung präsentiert sich daher als eine hybride Semantik aus modularen Bildlichkeiten und Begrifflichkeiten, als ein Sinnspiel, das zwischen Signifikaten und Signifikanten Unruhe stiftet. Ausstellungstexte werden plötzlich zu Autotexturen, die sich permanent neuladen und neuschreiben und so wuchernd mit anderen Texten und Wirklichkeiten sich zu neuen Texten verweben beginnen. Die Gemeinheit liegt darin, dass wir uns selbst als Textprojekt darin wiedererkennen, was paradoxerweise gleichzeitig das Gemeinschaftliche als Identität stiftet und als Differenz negiert. •Insofern tappe ich jetzt gleich in die Falle, wenn ich auf der Sprachebene versuche über Jochums Ausstellungsobjekte zu sprechen: •Der erste Blick in der Ausstellung fällt auf den Schriftzug "und jetzt". Er markiert den Augenblick der Gegenwart, indem er uns auf der Zeitachse situiert und den unangenehmen Moment der Entscheidung evoziert. Der Stempel mit der Aufschrift "Schade" verräumlicht uns dagegen, weil er die verpaßte Möglichkeit als Ironie der Geschichte wortwörtlich einschreibt und versachlicht (wortwörtlich deshalb, weil Geschichte sich von Geschehen ableitet, was im mhd. Sache oder Ding meinte). Ein Raum im Raum steht im Zentrum der Ausstellung, der den eintretenden Besucher durch seine Türe erniedrigt und den Blick durch das selbe Fenster, auf dem von draußen "Schlimmer kann es nicht mehr werden" geschrieben seht, nun durch den Satz "Es kann noch schlimmer werden" filtert. Mehrere Springbälle mit der Aufschrift "ESC" konnotieren eine ultimative Entscheidung für einen Ausstieg aus einem Programm, Arbeitsmodus, Wertesystem bzw. demonstrieren sie das Ende einer dualistischen Philosophie. •Und spätestens jetzt hat Jochums Falle zugeschnappt, denn meine hier praktizierte Dualisierung der Erkenntnissituation in Form einer Unterscheidung zwischen dem Objekt des Diskurses und dem Diskurs über das Objekt, hat mich gerade selbst zur Strecke gebracht. •Eigentlich sollte ich jetzt nach Wittgenstein schweigen, da aber Wittgenstein das vermutlich tragischte Opfer einer derartigen Falle war, sollten wir als Rezipienten den alternativen Versuch eines endlosen Sprechens unternehmen. •Um meinen Kritikern, die dachten, wenn Feuerstein spricht, kann es nicht mehr schlimmer werden, hier nicht Anlaß zur Befürchtung zu geben, dass es doch noch schlimmer werden kann, will ich jetzt aber zu einem Abschluß kommen. Somit hoffe ich, dass alle das Jetzt gut nützen mögen zu einem Flirt mit der Kunst, mit dem Künstler Richard Jochum oder ansonsten zumindest mit anderen im Raum.
Thomas Feuerstein