| Die Kunst ist eine parasitäre Aktivität, Ungekürzt in: Literaturzeitschrift V2 Feldkirch 1998 | ||
| Vor einiger Zeit hat mich ein alter Bekannter aufgesucht. Er war gerade dabei, Materialien für seine Diplomarbeit zusammenzustellen. Das Thema lautete Bibliomanie, und er wusste, dass ich seit Jahren Buchobjekte entwerfe und in Ausstellungen zeige. Gleich zu Beginn seines Interviews fragte er mich, ob ich Bibliomaniker sei. Ich verneinte, wohl etwas voreilig. Vielleicht erschien mir bereits das Wort zu sonderbar. Bald stellte ich allerdings fest, dass ich klassische Züge des Bücherwurms trug: ich besaß bereits im Alter von 18 Jahren eine Sammlung von eintausend sorgfältig archivierten Druckwerken, allesamt noch vor dem Gebrauch mit transparenter Schutzfolie überzogen, Doppel- und Mehrfachexemplare desselben Buches zum Zweck des schönen Geschenks und wollüstige Erinnerungen an deren Farbe und Form. Ich bin eine Buchgeburt. Aus dem Studium des Buchs als Objekt der Literatur, der Belletristik, der Wissenschaft hervorgegangen, habe ich begonnen, selbst nichts als (literarische, wissenschaftliche, künstlerische) Bücher zu (re)produzieren. Bereits meine erste größere öffentliche Kunstaktion ging auf originäre Weise mit dem Medium Buch um. Anlässlich der Präsentation eines theologiekritischen Sammelbandes durchbohrten wir im Rahmen einer sorgfältig inszenierten Performance eine von zahllosen Ausgaben der Bibel. In meiner Bereitschaft, das Buch bei dieser Aktion zu beschädigen, zeigte sich das Bestreben, die persönliche Geschichte mit dem Buch als Fetisch zu einem Ende zu bringen, das Buch von seinem Sockel zu werfen. Das Werfen praktizierte ich dabei buchstäblich: In dieser Zeit habe ich öfters meine Bücher auf einen Haufen geworfen, um darauf herumgehen zu können. Die Situation hat paradoxe Züge. Meine Studien bildeten mich zum Schreiber aus. Deshalb war ich begeistert von der Idee, gemeinsam mit Freunden eine Gruppe zu gründen, die nichts als Bücher produzierte. Andererseits irritierte mich der Buchmarkt zusehends. Die bis zum Ende meiner Schulzeit aufgehäuften Bestände vermehrten sich während des Studiums kaum. Das Führen eines Archivs erübrigte sich. Jeder Umzug zeigte mir die Last der schweren Masse. Ich begann mit dem Verschenken. Die Überproduktion schlechter, dafür um so fülligerer Texte - und wohl mehr noch die Verpflichtung, mich aufgrund der wissenschaftlichen Erfordernisse recherchierend durch diese Flut hindurchzukämpfen - brachte mich in Distanz dazu. Symptomatisch ist die heisere Stimme bei allen meinen Besuchen in Buchhandlungen seither. Die Frage Führen Sie dieses und jenes Buch von dem und dem Autor? kam mir nie ohne kräftiges Räuspern über die Lippen und geriet selbst dann meist zu leise. Die Bücherflucht setzt meine Stimme außer Kraft, sie schwächt meine Energie. Mein Arbeitszimmer muss ohne Bibliothek auskommen. Die Bücher habe ich in eine Abstellkammer verbannt. Das ist unbequem, aber großartig. Die einzigen Bücher, die ich noch dulde, sind unabdingbares Arbeitsmaterial bzw. jene Objekte, die ich ebenfalls unter Buch rubriziere. Die erwähnte Durchbohrung der Bibel brachte für mich dreierlei zum Ausdruck. Erstens bearbeitete die Aktion das Buch als jenes Medium, mit dem ich am meisten zu tun hatte. Zweitens machte sie mir deutlich, dass ich bereit war, Bücher als Fetische zu opfern. Drittens begriff sie das Buch in seinem materiellen Gehalt, das Buch in seiner Form und skulpturalen Gegenständlichkeit. Meine in der darauffolgenden Zeit entstandenen Buchobjekte widerspiegeln diese Entwicklung. Sie sind hervorgegangen aus einer Mischung aus Faszination und Irritation. Ich verehre noch immer das Buch als potentiellen Ideenträger und temporäre Ruhestätte des Wissens. Deshalb sieht auch meine eigene Arbeit das Buch als Mittler von Text. Hingegen empfinde ich die Überfüllung der Welt mit Geschriebenem und Gedrucktem als irritierend. Sprache hat etwas Anästhesierendes; sie macht unempfindlich und bringt manches zum Vorschein, mehr noch zum Verschwinden. Außerdem ist man in der Buchschreibundlesewelt gerne von einem bestimmten Kauztypus umgeben. Im wesentlichen sind es drei Schichtungen, die mich an der künstlerischen Produktion von Büchern interessieren. Erstens die Ebene des Texts. Im Gegensatz zu vielen anderen Buch-Arbeiten war mir der Transport semantischer Elemente mithilfe der geschriebenen Sprache stets von großer Bedeutung. Dabei gilt zu präzisieren: Was ich als Text bezeichne, ist kaum als Text zu bezeichnen. Meine Irritation an der Vielwörterei räumte mir fast alles Geschriebene aus meinen Büchern. Es gibt Arbeiten, die nur noch einen Titel zurücklassen, im übrigen aber sprachlich verwaist sind. Zweitens die Ebene des Bildes. Die habe ich selbst erst langsam unter der Reduktion des Textes hervorkommen sehen. Sie beruht zunächst auf dem simplen Sachverhalt, dass jede Buchseite aus einer (vorsichtigen) Graphik besteht. Auf das Verstehen der Bedeutung von Texten trainiert, liegt das Wahrnehmen weiterer Schichten nicht auf der Hand. Das graphische Gesicht erscheint jedoch, wenn man die semantische Ebene unterbricht. Dann wird deutlich, dass das Buch nicht nur eine Bedeutung hat, sondern auch einen Körper. Der besteht fast durchwegs aus Papier und Karton oder Pappe und wird durch Leim, Gaze, Faden, Leinen sowie zwei schützende Buchdeckel zusammengehalten. Drittens die Ebene der Dramatik. Sie liegt unter dem Bucheinband und wird mithilfe der einander wechselweise verbergenden Seiten erzeugt. Das Blättern eröffnet das Tableau zu einer unumkehrbaren Chronologie. Das ist die Eigenart des Buches; eine sehr filigrane Ebene, die auch meine Arbeit zu nutzen versucht. Filigran allein deshalb, weil ohne die Zutat des Lesers/der Leserin das Buch nur ein gut gehüteter Sarkophag wäre; das Umschlagen der Blätter erst rückt es in den Zusammenhang mit der Zeit. Ausgehend von diesen drei Momenten - dem semantischen Moment des Textes, dem ästhetischen des Bildes und dem dramatischen des Wechselns der Seiten - kann meine Buch-Arbeit beschrieben werden. Sie beinhaltet allerdings noch weitere Charakteristika, zunächst die eklatante Kürze der Texte: Wenige Zeilen bedienen wenige Seiten. (Interessanterweise handelt es sich gerade bei der Kürze um jene Eigenschaft meiner Arbeit, die einigen befreundeten Schriftstellern besonders suspekt ist. Das Wort ehren, schön und gut. Das Wort verschweigen jedoch? Von allein sind all die schönen Geschichten, die uns delektieren, gewiss nicht entstanden!) Damit die Semantik allerdings nicht am Wortmangel leide, wird sie von - wenn auch karger - Buchästhetik unterstützt. Dafür sorgt ein bestimmter Reichtum an Gestaltung sowie der bibliophile Charakter, der sich aus der handwerklichen Fertigung kleiner Auflagen (etwa 10 Stück) ergibt. Vielleicht müsste man noch ein viertes Moment reklamieren. Es ist das Potentielle, das Buchische, das schwer zu Fassende und doch den Tauschwert bestimmende: das Buch als Begleiter, als Verfügbarkeit und Bibliothek, als dasjenige, mit dem wir nicht fertig sind, weil wir damit niemals fertig werden können. In einer Umfrage unter österreichischen Politikern und Politikerinnen wurde nebst Lieblingsbuch, Lieblingsautor etc. auch nach jenem Buch gefragt, das schon lange gelesen werden wollte. Jene imaginäre Ebene meine ich. Auch das Imaginäre charakterisiert unser Verhältnis zum Buch. Im Bereich des Imaginären verhelfen Wunschprothesen zum Gehen. Die Eigenart des Imaginären ist es, mit analytischen Mitteln nicht wiedergegeben werden zu können. Was immer im Buch steht, das Interesse am Buch reicht darüber hinaus. Das Imaginäre ist durch den (realen) Text nicht zu befriedigen. Insofern spielt der Text eine untergeordnete Rolle; und deshalb wird er in meinen Objekten zusammengestrichen. Was übrig bleibt, sind Reduktionen von Komplexität auf einen nicht weiter beruhigbaren Rest, Kürzungen auf etwas, das virulent bleibt: eine Problemzone, problemsichtige Kunst. Das Problem strukturiert das Konzept und das Problem beherrscht den Text. Zugleich lässt es sich nicht bezeichnen, bzw. nur auf eine Weise, bei der es nicht mehr auf elaborierte Länge, sondern auf Prägnanz ankommt. Genauer gesagt: Ein Problem beherrscht, solange und insofern es sich nicht bezeichnen lässt. Prägnant zu sein bedeutet, etwas direkt an seiner Kraft zu treffen, kraftvoll zu sagen. Dafür hält eine Kultur verschiedene Mittel bereit. Unterbrechung kann ein Mittel dafür sein. Witz. Ironie. Pointe. Überraschung. Paradoxe Brechung bzw. Intervention. Lapidarismus. (In einer Situation, in der die Museen voll sind, übersetzt sich das Einzelne dadurch in die Wahrnehmung des Publikums, dass es sich dessen Geschwindigkeit anpasst. Wir wissen aus statistischen Untersuchungen, dass der zeitgenössische Kunstbetrachter durchschnittlich sechs Sekunden auf ein Kunstwerk schaut. Darin liegt wahrscheinlich der Grund, dass so viele Arbeiten der Gegenwartskunst sich durch Witz, Ironie, oder Überraschung auszeichnen.) Kürze hat etwas Überraschendes. Sie vergeudet unsere Aufmerksamkeit nicht. Aufmerksamkeitsreste können für andere Zwecke oder zweckfrei verwendet werden. Der Minimalismus ist es, der den interventionistischen Charakter meiner Objekte begründet (s. Anmerkung "Leseregel"). Darin trifft sich nun die buchbinderische und die schriftstellerische Arbeit mit jener der Performanz (s. Anmerkung "Zukunft Österreich"). Übergänge in den Raum ergeben sich zwar nicht zwingend daraus, sind aber dennoch ein Merkmal der Entwicklung, soweit ich sie sehe. In den Jahren 1991-99 habe ich etwas mehr als 40 Buchobjekte produziert. Zu Beginn erläuterte ich deren Funktion als eine dem Buchmarkt entgegengesetzte. Diese Argumentation ist mir fremder geworden. Heute sehe ich den Eigenwert der Objekte, der mit Polemik nichts mehr am Hut hat. Mag die Arbeit auf Kürze, Pointe, Prägnanz abgestellt sein; sie ist es nicht als Affekt gegen Vielwörterei und Papierverschwendung, sondern deren zum Trotz oder ungeachtet. Auch spielt heute etwas keine so wesentliche Rolle mehr, was mir anfangs wichtig gewesen war: einen Weg in der Produktion von (minimaler) Literatur zu finden, der nicht auf jenen üblichen und anonymen vom Manuskript zum Verlag zum Vertrieb setzt. Auch darin agiere ich heute nicht mehr polemisch. Wichtiger als der Kampf ist mir die Produktion geworden. Dabei handelt es sich um eine natürliche Entwicklung. Eine Arbeit, die sich selbst entdeckt, interessiert sich für ihre Ausdifferenzierung; das geschieht von innen heraus und nicht durch Abgrenzung von ihren Rändern. Produktivität verstehe ich dabei programmatisch. Sie als Blickwinkel vorausgesetzt, ist es einerlei, welcher Gattung das Produzierte zugehörig ist: ob bildende Kunst, Literatur oder Philosophie. Darauf kommt es nicht an. Verschiedene Reaktionen auf die Objekte in Ausstellungen zeigten mir, dass meine Buch-Arbeit spezifischen Stil hat. Damit meine ich eine bestimmte Eigenwilligkeit, aber auch sehr konkrete Grenzen. Interventionismus hin oder her, Buchdeckel sind Sargdeckel. Spezifische Aufträge haben mich dazu angehalten, meine Arbeit verstärkt in den Raum zu übersetzen. Bild-Objekte waren die Folge, Hut-Objekte, Skulpturen. Meist noch sprachlich gefasst, zumindest betitelt, verlor die Sprache langsam ihre dominante Bedeutung. Sie ist eine spezifische Form der Codierung; es gibt auch andere. Das Übersetzen in den Raum konfrontierte mich mit derlei Fragestellungen. Das Bildliche der Textseite trat noch mehr in den Vordergrund. An diesem Moment stehe ich nun. Ein Text, der meine Arbeit reflektiert? Jeder Produzent arbeitet wie ein Blinder an seinem Werk. Was weiß er im Detail schon vom Ganzen? Wir bringen unsere Arbeit in einem Mischverhältnis hervor: Es gibt immer einen Teil, der sich nicht aufhellen lässt; einen Teil, der noch verborgen ist, weil man ihn noch nicht kennt; einen, der verborgen ist, weil man noch nicht über ihn spricht; und einen daran angrenzenden Teil, den man sehr absichtlich verbirgt. Für Autobiographie ist es immer zu früh. Die Kunst ist ein parasitäre Aktivität - womöglich im moralischen Sinn; sicher aber im Sinne der Logik. Sie verändert ein System nicht substantiell, aber langsam und in winzigen Schritten. Am liebsten unbemerkt, arbeitet sie wie ein thermischer Erreger, heizt die Temperatur an bzw. kühlt ab. Ihre Wirkung ist nichtlinear. Was wiegt eine Buchseite, gemessen in Kilo-Joule? Was bewirkt eine Skulptur, gemessen am 2. Hauptsatz der Thermodynamik? |
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| Anmerkungen
Leseregel heißt ein Objekt, das, in rotes Kunstleder eingebunden, ursprünglich für eine Präsentation in Brusttaschen von konservativ-ländlichen Steireranzügen (mit Hirschhornknöpfen und grünem Besatz) gemacht worden ist. Die goldene Schrift außen erinnert an die goldene Regel; der rote Einband an die Mao-Bibel, an Lenins Was tun? oder Goethes Faust für das allgemeine Bildungsbürgertum. Innen steht ein einziger Satz, und der heißt Schuld trägt die Regierung. Ein Objekt als Gebrauchsgegenstand. |
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